Erholung von der Gemeinde
Ein Auszug aus dem Buch von Philip Yancey „Warum ich heute noch glaube.“

Im Wartesaal oder im Flugzeug komme ich manchmal mit Fremden ins Gespräch. Im Verlauf der Unterhaltung erfahren sie dann, dass ich Bücher zu geistlichen Themen schreibe. Die Augenbrauen gehen hoch, und dann muss ich mir oft eine weitere Horrorgeschichte über christliche Gemeinden anhören. Wahrscheinlich erwarten die Leute von mir eine Verteidigung, denn wenn ich entgegne: »Oh, wissen Sie, im Grunde ist es noch viel schlimmer. Soll ich Ihnen mal erzählen, wie es mir ergangen ist?«, wirken sie immer ziemlich überrascht.
Ich habe die meiste Zeit meines Lebens damit verbracht, mich von der Gemeinde zu erholen.
Das Paradoxe war, dass sie ständig irgendwelche Sätze einflochten, die wir im College gelernt hatten: »Gott schenkt mir den Sieg ... Ich kann alles durch Christus ... Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen ... Ich wandle im Sieg.« Als ich ging, drehte sich mir der Kopf.
Jetzt hatte die Gemeinde keine Macht mehr über mich; das Gift war wirkungslos geworden. Aber ich hielt mir vor Augen, dass ich meinen Glauben beinah aufgegeben hätte wegen dieser Gemeinde, und ich empfand tiefes Mitgefühl für all jene, die es tatsächlich getan haben.
Ich kenne viele Menschen, die Ähnliches erlebt haben: Katholiken, die beim Anblick einer Nonne oder eines Mönchs zusammenzucken; ehemalige Siebenten-Tags-Adventisten, die keine Tasse Kaffee trinken können, ohne dass sie von Schuldgefühlen gequält werden; Mennoniten, die sich fragen, ob ein Ehering oder AluminiumfeIgen bereits zu weltlich sind. Manche haben sich völlig von der Gemeinde abgewandt und empfinden Christen als bedrohlich, ja geradezu abstoßend.
Aber wenn sie die Wahrheit haben, warum sind sie so abstoßend, gerade weil sie die Wahrheit haben und verkünden?
Als ich von einem verwirrenden Wochenende mit Physikern, Klassenkameraden aus der Bibelschule und Fundamentalisten aus Amerikas Süden zurückkam, fragte ich mich wieder einmal: »Wieso bin ich eigentlich immer noch Christ?« Was lässt mich an einem Evangelium festhalten, das so verfälscht und statisch zu mir gekommen ist und häufig mehr nach schlechter als nach guter Nachricht klingt?
Wie kam es, dass ich \ meinen persönlichen Glauben durch alle schädlichen Einflüsse hindurchretten konnte?
|